Siekhöhe schließen!

Pressemitteilung verschiedener Initiativen zur Unterstützung von Geflüchteten:

Göttingen, 25.04.2017

Die Verwaltung der Stadt Göttingen plant, in den kommenden Monaten Gemeinschaftsunterkünfte zu schließen. Alternativ zur Debatte stehen die Schließung der Siekhöhe (Anna-Vandenhoeck-Ring) oder die Schließung des IWF (Nonnenstieg). „Wir sind froh über jede Unterkunft, die nicht mehr benötigt wird,“ erklärt Konrad Kelm von der IWF-Initiative am Nonnenstieg. „Zuallererst muss aber die Siekhöhe geschlossen werden,“ ergänzt Kristina Becker von Refugee Network Göttingen.

Gemeinschaftsunterkünfte können nur Notbehelfe auf Zeit sein, bis die Geflüchteten in eine eigene Wohnung ziehen können. Nur diese ermöglicht Geflüchteten ein hohes Maß an Selbstbestimmung und die soziale, kulturelle und politische Partizipation. Solange aber Geflüchtete in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden, sind dort menschenwürdige, schützende und fördernde Rahmenbedingungen zu bieten. Zu diesen zählen die separate Unterbringung vulnerabler Personen, die Schaffung geschützter Rückzugsorte und die Wahrung der Privatsphäre. Geflüchtete sollten in möglichst kleinen Unterkünften untergebracht werden, in denen Einzelpersonen bestenfalls in einem eigenen Zimmer wohnen. Keiner dieser Punkte kann in der Siekhöhe umgesetzt werden.

Dennoch scheint die Stadtverwaltung jene Variante zu präferieren, die den Erhalt der Siekhöhe und die Schließung anderer Unterkünfte vorsieht. Ausdrücklich unterstützen wir die geplante Aufgabe der Notunterkunft in der Gustav-Bielefeld-Straße, die für eine längerfristige Unterbringung von Geflüchteten nicht geeignet ist. Zugleich fordern wir die Verwaltung und den Stadtrat aber auf, die Unterkunft in der Siekhöhe ebenfalls zu schließen.

Die Siekhöhe ist eine Notunterkunft, die allein aufgrund ihrer Struktur keine Mindeststandards einer angemessenen Unterbringung erfüllen kann. Es handelt sich um eine sehr große Unterkunft (maximal 200 Plätze), die am äußersten Stadtrand in einem Gewerbegebiet – und damit fern jeder Infrastruktur und Nachbarschaften – gelegen ist. Genutzt wird eine frühere Gewerbehalle, in der eingezogene Trennwände mehrere Wohnbereiche abteilen. In den einzelnen Wohnbereichen können bis zu 14 Personen untergebracht werden. Selbst wenn die einzelnen Bereiche nur zur Hälfte belegt sind, sind die Verhältnisse eng und bedrückend. Tageslicht gibt es in der Halle nicht. Zudem fehlen jegliche Rückzugsmöglichkeiten. Die Wohnbereiche sind aus Brandschutzgründen nach oben offen, so dass die Bewohner*innen jederzeit sämtlichen Geräuschen der Unterkunft ausgesetzt sind und das Licht nicht selbst regulieren können. Hierdurch kann sich bei ihnen nie das Gefühl einstellen, in einem abgeschlossenen Raum zur Ruhe zu kommen. Die offene Hallenstruktur ist nicht zuletzt deshalb inakzeptabel, weil hier auch Grundschulkinder leben müssen. Darüber hinaus haben die Bewohner*innen keine Möglichkeit selbst zu kochen, sich also selbstbestimmt zu ernähren.

Von einer geschützten Umgebung mit einem Mindestmaß an Selbstbestimmung kann also nicht die Rede sein. Durch die Umzäunung, die Präsenz der Security und die Einlasskontrollen ist die Siekhöhe zudem eindeutig als eine abgeschlossene, von der übrigen Stadtgesellschaft getrennte Einrichtung markiert. Die Integration der Geflüchteten in das Gemeinwesen und ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben kann so nicht gelingen. Dass sämtliche der Stadt zugewiesenen Flüchtlinge – allein reisende Frauen, Kinder, Traumatisierte, Familiennachzüge – zunächst in dieser Einrichtung untergebracht werden sollen, obwohl die Zuzugszahlen stark gesunken sind, und stattdessen Plätze in anderen Unterkünften, die ein größeres Maß an Selbstbestimmung bieten, abgebaut werden, ist ebenso unverständlich wie untragbar.

Der Betrieb der Siekhöhe ist auch keineswegs alternativlos. Die Notunterkünfte Siekhöhe und Gustav-Bielefeld-Straße, in denen zusammen 186 Personen untergebracht sind, könnten sofort geschlossen werden. Denn in den übrigen Göttinger Unterkünften sind laut Aufstellung der Stadtverwaltung genügend Plätze frei: unter anderem 148 in der Europaallee, 25 im IWF, 58 in der Bürgerstraße (ehemalige Voigtschule), 48 im Hagenweg und 39 auf den Zietenterrassen.

Selbst wenn einige der Unterkünfte Nachteile haben, ist den Geflüchteten hier viel eher ein selbstbestimmtes Leben und eine Partizipation am gesellschaftlichen Leben möglich. Zum Teil bestehen eigene Wohneinheiten (Zietenterrassen, Schützenanger, Europaallee, die im Bau befindliche Anlage im Albrecht-Thaer-Weg) und in allen Einrichtungen können die Bewohner*innen selbst kochen. Familien mit Schulkindern sind, auch wenn die Bedingungen nicht ideal sind, dort deutlich besser untergebracht. Baulich sind diese über das gesamte Stadtgebiet verteilten Unterkünfte keine abgetrennten Sondereinrichtungen, sondern liegen in Wohngebieten, wodurch der Aufbau nachbarschaftlicher Kontakte und die Integration der Geflüchteten in die Stadtgesellschaft erleichtert ist.

Die Funktion einer zentralen Göttinger Erstaufnahmeeinrichtung, die der  Stadtverwaltung wichtig ist, kann ebenso beispielsweise von der IWF-Unterkunft übernommen werden. Laut Risikoanalyse der Bonveno aus dem Februar 2017 verfügt das IWF über zwei Notfallzimmer sowie ein ärztliches Behandlungszimmer. Außerdem ist die Unterkunft eines der bundesweiten Modellprojekte im Rahmen des vom Bundesfamilienministerium und von UNICEF koordinierten Gewaltschutzprojekts. Bei dem von der zuständigen Koordinatorin entwickelten Gewaltschutzkonzept steht nun die  Umsetzungsphase an. Zudem ist die Betreuungssituation durch die Sozialarbeiter*innen hier gut. Auf diese Strukturen ließe sich aufbauen. Alleinreisende Frauen können direkt in der Frauenunterkunft im Hagenweg untergebracht werden, wo weitere Unterstützungsbedarfe geklärt und die Wünsche der Geflüchteten erfragt werden können.

Wir fordern Stadtverwaltung und Rat daher nachdrücklich auf, die Variante umzusetzen, die die Schließung der Siekhöhe vorsieht.

 

Flüchtlingshilfe ehemalige Voigtschule
Flüchtlingshilfe Weende
Initiative Willkommen Flüchtlinge am Klausberg e.V.
Refugee Network Göttingen – Hilfe für Geflüchtete e.V.
Vernetzungstreffen der freiwilligen Initiativen zur Unterstützung von Geflüchteten
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Reaktionen:
https://www.nds-fluerat.org/24270/pressemitteilungen/unverstaendnis-beim-fluechtlingsrat-ueber-festhalten-der-stadt-goettingen-an-notunterkunft-siekhoehe/
https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5401642/
http://www.goest.de/siekhoehe.htm#iwf
https://www.pprgoe.de/unterkunft-siekhoehe-schliessen-iwfnonnenstieg-beibehalten/
http://www.stadtradio-goettingen.de/redaktion/nachrichten/goettinger_piraten_partei_ratsgruppe_hat_plaene_der_stadt_zur_unterkunft_siekhoehe_kritisiert/index_ger.html
http://www.goettinger-tageblatt.de/Goettingen/Uebersicht/Goettingen-Gruene-und-Piraten-Partei-Ratsgruppe-zur-Siekhoehe
http://www.goettinger-tageblatt.de/Goettingen/Uebersicht/Kosten-Goettinger-Fluechtlingsunterkuenfte-Siekhoehe-am-teuersten

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