Interview mit Khaled zum Leben in der Siekhöhe

Ich war 22 Tage in der Siekhöhe, Mai-Juni 2016.

Mein Name ist Khaled, 36 aus dem Sudan. Ich bin alleine nach Deutschland gekommen. Ich kam allerdings mit Tausenden von Menschen aus Syrien, Afganistan, etc.

Ich teilte ein Zimmer mit weiteren elf Personen. Das Zimmer war gefühlt 4 mal 4 Meter groß.

Wie schätzt du das Leben in der Siekhöhe ein?

Aus gesundheitlichen Gründen ist es falsch, schlecht. Wir sind Menschen aus unterschiedlichen Ländern, wer weiß, ob ein anderer ansteckende Krankheiten hat. Wie kann man es erlauben, dass Leute so angesteckt werden können. Da alle Menschen zusammen sitzen und in einem Zimmer zusammen wohnen. Wir hatten einen Sudanesen bei uns, der krank war. Sie hatten dann alle Matratzen und Decken weggenommen. Außerdem haben sie alle aus dem Zimmer untersucht, da habe ich gefragt, warum wir alle untersucht werden. Er hatte eine Allergie1 und wurde in die Quarantäne gebracht. Ich habe mich beschwert bei der Sozialarbeiterin: „Es kann nicht sein, dass ihr mich von einem schlechtem Lager in ein noch schlechteres bringt. Ich kann von einem schlechten zu einem besseren umverteilt werden.“ Ich möchte schließlich mein Leben ausleben, ich möchte lernen. Ich möchte auf mir selber aufbauen. Ich möchte nicht mein ganzes Leben in Camps leben.

Wie bewertest Du das Essen in der Kantine?

Das Beste ist, der Mensch kocht für sich selbst. Es kann ja sein, dass du Aubergine bekommst. Aber ich kann das nicht, da habe ich Allergie. Freiheit gibt es so nicht, denn ich reagiere allergisch auf bestimmtes Essen. Es kann nicht sein, dass ich dann trotzdem Aubergine essen muss. Das ist doch so richtig oder nicht? Ich hatte für andere Leute übersetzt, so gab es auch eine schwangere Frau aus Syrien. Mit der Leitung des Camps habe ich gesprochen, eine schwangere Frau muss bestimmte Sachen essen, damit sie stark bleibt. Da reicht es nicht Eier zu kochen oder Nudeln zu machen. Das ist doch richtig oder nicht? Da habe ich gesagt, die schwangere Frau soll eine eigene Wohnung haben und selber kochen können, damit das Kind gut zur Welt kommt. Sie kann ja nicht so essen, wie ihr das wollt. Es kann ja sein, dass euer Essen für das Kind im Bauch nicht gut genug ist.

Gab es nicht die Möglichkeit vom Essen etwas zu wählen?

Das Essen dort war Oliven, Eier, Hähnchen, Wurst. Wäre es meine schwangere Frau, dann würde ich nicht akzeptieren ihr dieses Essen zu geben. Weil eine Frau in der Schwangerschaft gutes Essen haben soll, damit sie stark bleibt und das Kind ebenfalls. […] Eine Möglichkeit der Essensauswahl gibt es nicht, was da war musste gegessen werden. Bei mir war es ja so, wenn mir das Essen nicht gefällt, dann gehe ich Döner oder ähnliches einkaufen, um mal etwas anderes zu essen.

Wieviel zahlst Du für Essen außerhalb des Lagers?

Je nachdem, mal war es 5 €, mal 7 €. Aber ich bin nicht lange geblieben, weil ich nur 22 Tage dort war. Ich habe immer wieder mit der Leitung gesprochen, dass ich nicht von schlecht zu schlechter gehen möchte. Ich möchte mein Leben ausleben. Ich kann nicht lernen, wenn da 300 Menschen in der Halle sind. Das war ja schließlich ein Zimmer, man kann ja nicht mal das Gelesene hören. Denn wenn man was lernen möchte, muss der Ort ruhig sein, um was zu verstehen. Der Ort hat Kinder, Frauen und Leute mit psychischen Problemen. Leute, die andere nicht respektieren können. Dass Menschen einfach müde sind und sich ausruhen wollen. Es gibt quasi ständig „Schreie“ über dem eigenen Kopf2. Die Menschen kommen aus Kriegsgebieten und haben psychische Probleme. Siehst Du diese Verletzung (an der Nase), das war in Braunschweig, ein Typ hat mich mit einer Flasche geschlagen. Ich hatte keine Schuld, da war ich vier Tage im Krankenhaus und hatte eine Operation. Die Menschen sind nicht alle gleich, zwar sind wir alle Geschöpfe Gottes, aber ein Mensch zu Mensch ist doch anders. Es gibt Menschen, die verrückt sind, die psychisch krank sind und auch welche, die Rassisten sind. Die Menschen haben unterschiedliche Persönlichkeiten, sind bunt. Es kann ja sein, dass ich mit dir nicht klar komme. Da kann es nicht sein, dass wir gezwungen werden, zusammen zu wohnen.

Kannst du in Ruhe essen? Kannst du das Essen in deinem Zimmer essen?

Das ist verboten. Man musste in der Kantine essen. Wenn du essen möchtest, dann isst du mit den 300 Leuten. Das ist keine gute Sache.

Wenn du einen Gast hast, darf er mit dir in der Kantine essen?

Das ist möglich. Aber der Besuch muss sich registrieren, den Namen bei der Security abgeben. Er muss den Ausweis abgeben und die Person, die er besucht, benennen. Aber danach kann er machen was er möchte.

Muss du für das Essen Geld zahlen? Nein.

Kann der Gast zu jeder Zeit kommen? Z.B. Nachts?

Ich habe niemanden gesehen, dem es erlaubt war, Besuch nachts zu empfangen. Aber tagsüber war es möglich. Wie ich denke, durften nur die Camp-Bewohner da sein. Nachts ist es vermutlich nicht erlaubt. […]

Kontrolliert die Security deine eigene Tasche? Ja, sie wird kontrolliert.

Werden auch die Gäste kontrolliert? Ja, klar jeder wird kontrolliert. Auch wenn es Frauen sind.

Gab es denn weibliche Securities?

Nein, gab es nicht. Aber sie holten dann weibliche Personal (Krankenschwester o.ä.) und die kontrollieren dann die Frauen.

Darfst du deine Mitbewohner im Zimmer aussuchen? Ihr ward ja 12 Personen.

Nein, man wird doch verteilt. Man kriegt die Ansage, du kommst in Zimmer 10. […]. Da muss man dann wohnen.

Man kann dann nicht wechseln? Nein!

Hattest du Probleme mit deinen Mitbewohnern?

Ich hatte einmal einen Streit mit einem des Personals, ein Putzmann aus dem Iran. Ich habe geraucht und habe die Zigarette in den Müll geschmissen. Allerdings habe ich den Zigaretteneimer nicht getroffen. Da hat er mich angeschrien. Da habe ich ihm gesagt, dass er mich nicht so anschreien soll. […]

Also mit deinen Mitbewohnern hattest Du keine Probleme? Nein.

Kannst Du jeder Zeit schlafen, wenn du das möchtest?

Nein. Es gibt viele Kinder. Es gibt sehr viele Geräusche. Als ich dort war, da konnte ich erst gegen 4 oder 5 Uhr einschlafen, wenn alle anderen Menschen eingeschlafen sind. Weil ich ein Problem habe. Ich hatte eine chirurgischen Operation im Gesicht. Wenn ich nicht entspannt bin, dann zieht es schmerzhaft in den Kopf und ich kann nicht einschlafen. Deswegen kann ich erst so spät einschlafen. Es geht auch nicht, dass man Familien mit Ledigen unterbringt. Wer weiß wie die Leute so ticken.

Werden die Familien mit Ledigen im selben Zimmer untergebracht?

Nein. Aber das Problem ist, dass die Leute in der selben Halle sind. Zum Beispiel wäre ich verheiratet und einer spricht mit meiner Frau anzüglich. Dann könnte ich mit ihm streiten. Ich wäre ungnädig mit ihm. […] Das geht nicht so viele da zusammen wohnen zu lassen. Die Menschen aus verschiedenen Sprachen können sich ja nicht verständigen und dann kann es zu Streit kommen.

Waren in deinem Zimmer Menschen von anderer Nationalität oder nicht arabisch Sprechende?

Wir waren alle Sudanesen. Das Problem, naja für mich als jemand der Englisch spricht und mit den Securities, der Leitung und anderen kommunizieren kann,ist auf jemanden zu stoßen, der weder Englisch noch Arabisch spricht. Das ist schwer. Das ist doch ein Fehler. Man kann die Leute nicht lange lassen, zwei oder drei Monate. Das geht nicht. Zwei oder drei Tage ist okay, weil die meisten kommen aus Kriegen. Sie haben sicher psychische Probleme. Manche sind krank, manche haben Halluzinationen und Alpträume aus dem Krieg. Da geht es nicht, dass sie so lange im Camp bleiben. Man kann sie zwei oder drei Tage dort unterbringen und dann dezentral unterbringen. Diese Halle war vermutlich ein Parkhaus oder ähnliches und jetzt haben Sie die Leute da untergebracht. Sie nehmen den Leute die 150 € für die Versorgung weg, das ist sicher ein Geschäft für Sie. […]

Gab es Leute, die bereits einen Aufenthalt hatten?

Ja, ich kann mich an einen erinnern. Wer Aufenthalt hat, soll doch eine Wohnung kriegen. Er soll in der Schule die Sprache lernen. Im Camp geht das nicht.

Gibt es keinen Raum, wo man sich zurückzieht und Ruhe haben kann, um zu lernen. Hast du nur dein Zimmer und die Kantine?

Nur die zwei Räume, sonst kann man rausgehen, in den Hof. Nur wenn man in die Quarantäne kommt, da hat man seine Ruhe und ist alleine. Aber das Problem, dass der erkrankte Sudanese aus meinem Zimmer in das Gemeinschaftsbad oder zur Kantine gehen konnte, was soll das? Er ist doch ansteckend, oder nicht? Eine ansteckende Krankheit verbreitet sich doch schnell, in dieser schlechten Luft.

Gab es denn nicht ein separates Bad und Essen für ihn in der Quarantäne?

Nee, er kam und holte sein eigenes Essen aus der Kantine. Es geht nicht. Wenn jemand Grippe hat, dann würde sich die in diesen engen Räumlichkeiten schnell verbreiten.

Was sagst du zu den Securities und zum Personal?

Die Securities waren in Ordnung. […]. Auch das Küchenpersonal und die Leitung waren gute Menschen.

Kann die Security deinen Gästen den Zutritt verweigern?

Für mich war es so, dass du deinen Namen registrieren musstest und deinen Gastgeber benennen musstest. Aber dass ein Gast nicht reindurfte, habe ich nicht mitbekommen.

Was sagst Du zur Lage des Camps?

Das geht nicht, die Lage ist schlecht. Wenn man in diesem Hochbett schläft und sich über dir die Leute bewegen, dann spürst du das und kannst nicht ordentlich schlafen. Du wirst wach werden und dann sind da 12 Personen, der eine möchte schlafen. Der andere ist laut und so weiter. Da kann man nicht zur Ruhe kommen. Da gibt es keine Privatsphäre. Man kann die Nachbarn hören, wenn jemand schnarcht, in den anderen Zimmern. […]

Eigentlich ging es mir um die Lage, ob es nah zum Supermarkt und ähnliches ist.

Es gibt nur einen Laden in der Nähe.

Und die Busse?

Alle halbe Stunde. Aber ich habe sie nicht benutzt, ich hab mir ein Fahrrad gekauft

War es für euch möglich Fahrräder von dort auszuleihen?

Also ich habe meins selber gekauft. Ich haben das nicht mitbekommen. Und die Buskarte war auch auf unsere Kosten. Ich hab den Bus nicht benutzt, weil ich das Rad hatte. Aber wer kein Fahrrad hat, der musste es selber zahlen.

Gab es keinen Shuttlebus?

Nee, gab es nicht. Weißt du, wenn das Camp am Rand der Stadt ist, ist das doch eine Art Rassismus. Es ist so wie sie Tiere behandeln. Anstelle uns mit Einheimischen wohnen zu lassen, um uns zu integrieren und die Sprache zu lernen. Wenn Du ihn aber am Rand wohnen lässt, wie soll er die Sprache lernen?

Wenn es Probleme gab, gab es eine Person oder Beschwerdestelle?

Die Security. Aber vergiss es nicht, so richtig sicher war man nicht. […]

Wie regelt die Security eure Probleme? […]

Bei mir war es so, dass ich mit meinen Englisch- und Arabischkenntnissen quasi ein Dolmetscher war. Ich habe in beide Richtungen übersetzt, für die Flüchtlinge und die Securities. […]

Gab es irgendwelche Programme, dass Sie euch zum Schwimmbad, Sport machen oder ähnliches…bringen?

Es gab eine Schule in dem Camp, aber die habe ich nicht besucht. Man lernte dort das Alphabet und die Geräusche machen es unmöglich zu lernen. Das nutzt nichts.

Die gesundheitliche Versorgung war gut, wenn man ein Krankenhaus braucht, dann kann man dorthin gehen. Aber die Sachen sind meist so einfach, dann sie vor Ort behandelt werden.

Was magst du hinzufügen?

Für mich ist es so, ich mag diese Heime und Lager nicht. Es grenzt unsere Freiheit ein. Jedes Camp kann man nicht länger als drei Tage aushalten. Es gibt keine psychische Ruhe, dort kann man sich anstecken. Ich bevorzuge auf der Straße zu schlafen, als in einem solchen Camp.

Was ist das Schlimmste in der Siekhöhe?

Dieses Camp ist wie ein Stall für Tiere. Bei uns werden soviele Kühe zusammengetan. Was auch nicht geht, ist die Luft, 300 Leute in so einem geschlossenen Raum ohne Fenster. Welchen Schuld haben die Kinder, um so zu wohnen, deren Gesundheit/Abwehr nicht so stark ist wie die der Erwachsen?

1Mit Allergie ist hier vermutlich eher eine ansteckende Krankheit gemeint

2Im Stockbett von der Person über einem

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