Das Leben in der Siekhöhe – ein Interview

Das Interview wurde am 15. Mai 2017 durchgeführt und teilweise nicht ganz wörtlich übersetzt. Einige Passagen wurden gekürzt oder in der Reihenfolge leicht verändert, um Sinnzusammenhänge herzustellen.

Ich begrüße dich. Ich habe mitgekriegt, dass du einige Monate in der Siekhöhe gewohnt hast. Erzähl mal, wie bist du dorthin verlegt worden?

Ich war zuerst 15 Tage lang in Fallingbostel untergebracht. […]Von dort bin ich nach Göttingen in die Siekhöhe gekommen. Zwei Monate bin ich in der Siekhöhe gewesen. Nach zwei Monaten habe ich durch Freunde und einen netten Dolmetscher, der immer nach einer Wohnung für mich gesucht hat, endlich eine Wohnung gefunden und dann bin ich aus der Siekhöhe rausgekommen.

Erzähl mir, wie ist das Leben in der Siekhöhe? Was hast du im Alltag erlebt, von Fröhlichkeit, Traurigkeit, Wut.. ?

In der Siekhöhe war die Situation so, dass wir einfach in einem Raum gelebt haben. Zwischen den Räumen waren immer Trennwände ohne Decken. Ich habe mit sieben Personen in einem Zimmer gelebt. Der Alltag ist total langweilig, es gibt immer Widerholungen. Wir sind in diesem Raum und wir haben keinen Kontakt nach außen. Die ersten Monate waren eine totale Depression.

Wie hast du geschlafen?

Der schlechte Zustand von der Siekhöhe, die schlechte Isolation der Räume, die fehlende Decke…. Das Problem in der Siekhöhe ist, dass Massen von Menschen dort leben. Von einem einjährigen Baby bis hin zu einem 70-jährigen Mann. Nachts ist es immer laut, du hast keine Ruhe. Du hast keine Ruhe für dich, du musst immer ständig in dieser Unruhe leben. Manche Leute, die jetzt einen Deutschkurs in der Volkshochschule oder anderswo hatten, die mussten früh austehen und zur Schule gehen. Meistens waren sie müde weil sie nachts nicht gut geschlafen haben. Sie haben eine Störung gehabt beim Schlafen.

Ein Beispiel: Ich will auch erzählen, wie ich während ich im Camp gelebt habe, einmal einen Freund besucht habe, der draußen lebt, privat. Ich habe ihn besucht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich wirklich da bin – ich habe gesagt, ich bin nicht da, weil es bei ihm ganz ruhig und wie ein Traum war. Weil ich jeden Tag in dieser unruhigen und lauten Siekhöhe gelebt habe, konnte ich mir an diesem einen Tag beim Besuch meines Freundes nicht vorstellen, dass ich das war.

Durch die Hin- und Herverlegung in verschiedene Heime und dann auch mit dem vielen Stress, der Schlaflosigkeit, der Lautstärke und der fehlenden Privatsphäre, wurden meine Wünsche, die ich jetzt für ein schönes Leben hatte, meine inneren Wünsche, die nicht erfüllt wurden, automatisch abgebaut. Weil die Leute nach einem Jahr, wenn sie ständig in solchen Unterkünften leben, manchmal ihre Wünsche loslassen.

Wie viel hast du Geld bekommen? Wie ist die Situation mit Taschengeld, Busfahrkarten etc.?

25€ haben wir meistens bekommen. Ich bin zum Arzt gegangen und die Tabletten mussten selbst bezahlt werden. Ich hatte Tabletten verschrieben bekommen, sie gehörten nicht zu diesem Freibetrag und mussten dann bezahlt werden. Auch Kleidung mussten wir selbst bezahlen von diesen 25€. Die Leute, die in der Stadt zu tun hatten, zum Beispiel Unterricht hatten oder andere Sachen, sie mussten dann den Bus von diesem Taschengeld bezahlen.

Eine Person, die einen Kurs bei der VHS besucht hat, hat eine Buskarte bekommen. Aber für IIK-Kurse von der Uni gab es keine Buskarte, dh. Leute, die im Camp waren, mussten ca. 5€ für diese Fahrten bezahlen. […]

Wie ist es mit dem Essen?

Ich habe mich nicht konzentriert auf das Essen, das kann ich nicht sagen weil ich mich nicht konzentriert habe weil andere wichtige Probleme da waren. Und zu dem Zeitpunkt war das Essen ok.

Drei große Probleme waren allgemein, in der Siekhöhe erstmal all diese Schlaflosigkeit. Zum Beispiel um vier, fünf Uhr morgens hörst du Musik oder Menschen beten und so. […] Dieses Zwangsding hat viele gestört, in einem Zwangsverhältnis zu leben. Aus gesundheitlicher Sicht, ist es wichtig, dass ein Mensch sich gut ausruhen kann und gut schlafen kann, das fehlt im Canp. So habe ich es diesen zwei Monaten in der Siekhöhe erlebt.

Und noch was anderes: dieser alltägliche Wiederholungsrhytmus. Dorthin gehen, in diesen Raum und so.

Und es gab auch große Probleme mit der Isolation. Nicht mit der Stadt oder der Umgebung Kontakt zu haben. In dieser Flüchtlingsunterkunft lebst du neben vielen verschiedenen Firmen – als Nachbarn – sie kommen mit dem LKW. Das heisst, dass du nicht in Kontakt mit den Menschen kommst.

Ich habe auch erlebt, dass Menschen neun Monate dort gelebt haben, sie haben ganz wenig Deutsch gelernt, weil einfach das Klima, die Situation, die Unruhe und der Stress dazu geführt haben, dass sie sich nicht konzentrieren konnten. […]

[…]Du hast ja erzählt, dass es schwierig ist, wenn die Leute schlecht schlafen können, die ganzen Geräusche von allen anderen hören, sich nicht auf sich selber konzentrieren können.Was machen die Leute dann, also wie reagieren sie?

Zum Beispiel: wir schlafen so auf dem Bett und plötzlich um sieben Uhr morgens eine Beleuchtung ohne Decke die ganze 10 Meter hoch ist-bschhh- überall wird beleuchtet. Sieben Uhr Beleuchtung. Das fühlt sich an wie in einem Gefängnis.

Ich konnte mich beruhigen und ein bisschen schlafen. Manche konnten das überhaupt nicht. Ich bin mit dieser plötzlichen Beleuchtung aufgestanden und habe den ganzen Tag Kopfschmerzen gehabt. Ich habe mich irgendwie wie im Gefängnis gefühlt. Wie in der Zelle, aus der ich rauskommen wollte.

Durch diese Unruhe und den Stress hat es viele Konflikte gegeben. Es gab einen Konflikt einmal zwischen einem somalischen und einem afghanischen Flüchtling mit dem Schlauch, sie haben sich geschlagen. Die Security hatte Angst gehabt dazwischen zu gehen. Manche haben einfach die Nerven verloren. […]

Welche Rückzugsmöglichkeiten gibt es? […]

Jeder hat eine Lösung für sich gesucht um von diesem Stress wegzugehen. Ich kenne viele, die sind rausgegangen und haben Hasch geraucht oder Bier getrunken. Ein Freund ist immer rausgegangen und war spazieren zur Ablenkung. […]

Und wie ist das mit Besuch…und Übernachtungen?

Der Besuch konnte von sieben Uhr morgens bis zehn Uhr abends kommen. Danach nicht.

Wie ist das mit der Security und Kontrollen?

Wenn ein Besuch kommt, der wird gecheckt, also die Taschen und Rucksäcke werden gecheckt.

Manchmal? Du gehst raus und jedes mal wenn du zurückkommst, wird der Rucksack gecheckt.

Auch bei dir? Ja Jedes mal? Ja. Bei allen Personen? Ja. Habt ihr mal gefragt warum sie das machen? Weil Alkohol verboten ist reinzubringen. Alkohol und Scheren und Messer und so. Das ist gefängnisähnlich. Keine Schere? Ja. Als Rasier durftest du Klingen nehmen, aber keine klassischen Rasiermesser. Viele Leute haben ihre Haare selber geschnitten. Manchmal mussten sie heimlich eine Schere reinbringen. […]

Einmal in der Woche haben sie die Räume gecheckt, dass es sauber ist. […]Die sieben Leute haben sich das Putzen aufgeteilt.

Kommen Göttingerinnen und Göttinger, außer den Leuten, die in der Siekhöhe arbeiten? Kommt man mit Leuten ins Gespräch? Kommen Ehrenamtliche?

Einige Leute von der Uni kamen, manchmal haben sie Kinderzeug mitgebracht, mit den Kindern gespielt. Und eine alte Frau kam, wenn jemand das brauchte, sie hat mit den Leuten die Sprache geübt. […]

Waren Familien separat untergebracht, in Extrazimmern?

Zum Beispiel: in einem Raum wenn eine Familie mit drei Personen war, wurde in diesem Raum noch eine Familie untergebracht. Wenn jetzt eine neunköpfige Familie da war, haben sie allein in einen Raum gewohnt. Damals waren drei Familien in einem Raum, eine davon war ein Ehepaar.

Da war auch ein Ehepaar oder Freunde und dann noch drei Ledige in einem Raum.

Wie war das Verhalten, wenn du etwas brauchtest? Wenn du Probleme hattest? Wenn du mit jemandem reden wolltest, mit dem Chef, der Security, wie war das Verhalten?

Ich habe Glück gehabt. Ich habe einen sehr guten Dolmetscher gehabt. Ein Kurde, er war ein guter Freund. Ich habe es selber nicht erlebt. Aber ich habe mitbekommen, dass ein kurdisches Ehepaar mit einem Kind neun Monate in der Siekhöhe war. Sie suchten eine Wohnung um endlich rauszukommen. Das Kind war krank. Sie sind mit dem kurdischen Dolmetscher zum Zuständigen gegangen und gesagt, dass sie dringend eine Wohnung brauchten. Die Reaktion war arrogant und verachtend. Das ginge nicht, man könne ihnen nicht alles geben. Es gab keine Hilfe, sie haben uns ignoriert. Nach dem Motto: Ihr seid hier hergekommen. Was wollt ihr? Ihr seid nicht in eurer Heimat. Hier ist nicht Krieg wie in eurem Land. In dieser arroganten Weise.

Du hast vorhin gesagt, der Mensch kommt in verschiedene Heime. Irgendwann werden seine Wünsche und Hoffnungen nach einem besseren Leben kaputtgemacht. Was schlägst du vor? Was hast du noch erlebt, das deinem Leben als Flüchtling schadet?

Das größte Problem ist, dass du kein gesundes, schönes und menschenwürdiges Leben hast. Du kannst diese Gesellschaft nicht kennenlernen, du bist in einer absoluten Isolation da. Es ist schwer schwierig, so lange du da bist, kannst du dir nicht vorstellen, draussen zu sein. Dannach merkte ich erst, wie es war.

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